Unsere Einakter im Offenbach-Jahr 2019

Offenbachs zeitlose Botschaften 

Offenbachs Einakter fristen heute ein Dasein als mauerblumige Rarität am Rande des Repertoires - völlig zu Unrecht. Ihre größtenteils gut gebauten Handlungen verfügen über ein enormes komödiantisches Potenzial und vermitteln zeitlose Botschaften. Sie stellen die strenge Einteilung von Geschlechterrollen infrage (L’Île de Tulipatan), schicken toughe Mädchen an die Rampe, die sich von den Jungs nicht reinreden oder einlullen lassen (Pépito), und bieten mit scharfen Dialogen, Slapstick und Situationskomik (Un mari à la porte) den Sängerinnen die Möglichkeit, dem Bühnenaffen ordentlich Zucker zu geben. Und Offenbachs Musik ist sowieso über jeden Zweifel erhaben.

Was ist ein Einakter?

Als Einakter bezeichnet man Bühnenstücke, die in einem Akt gespielt werden, in der Regel ohne größeren Szenenwechsel auskommen und zeitlich kurz gehalten sind. Beispielsweise hat Offenbachs einaktige Operette Un mari à la porte eine Spieldauer von nur etwa 45 Minuten, was ihn dazu veranlasste, mehrere Einakter innerhalb einer Vorstellung aufzuführen, um auf eine abendfüllende Länge zu kommen. Offenbach gab seinen Einaktern  gerne – wie damals in Paris gang und gäbe – handlungsbezogene Untertitel wie anthropophagie musicale (Oyayaye – eine »musikalische Menschenfresserei«) oder bouffonnerie musicale (»Les Deux Aveugles«).

Warum schrieb Offenbach Einakter?

Offenbach war nicht nur Komponist, sondern auch Theaterdirektor. Und als solcher war er gezwungen, das Beste aus dem zu machen, was ihm zur Verfügung stand - oder erlaubt wurde. 1855 übernahm Offenbach ein leerstehendes Theaterchen namens Salle Lacaze, die damit verbundene Konzession enthielt eine Begrenzung auf drei Darsteller. Als er im Winter desselben Jahres mit seinem Ensemble in die beheizbare, geräumigere Salle Choiseul zog, erhielt Offenbach die Genehmigung, vier Darstellerinnen auf der Bühne seines »Théâtre des Bouffes-Parisiens« agieren zu lassen. Erst  ab März 1858 duldete die Theaterbehörde mehraktige Werke bei Offenbach – sie nahm damit für ihn die Situation vorweg, die sich mit dem tatsächlichen Wegfall aller Beschränkungen in ganz Paris erst im Jahr 1864 ergab.

Was machte die Einakter so erfolgreich? 

Die Eröffnung von Offenbachs Théâtre des Bouffes-Parisiens fand 1855 während der ersten Weltausstellung in Frankreich statt. Zwischen dem Ort der Ausstellung am unteren Ende der Champs-Élysées – dem Palais de l’Industrie – und der Salle Lacaze am Carré Marigny lagen nur etwa 300 Meter Luftlinie. Folglich wurden viele Ausstellungsbesucher auf die kleine Bühne aufmerksam. Gleich das erste Stück schlug ein wie eine Bombe: »Les Deux Aveugles«. Und auch Offenbachs folgenden Stücke – auch nach dem Umzug seines Theaters in die Passage Choiseul – erwiesen sich als Publikumsmagnete. Seine geniale Kunst, sein  mal eher spöttisches, mal eher rührendes, stets aber packendes Musiktheater auf engstem Raum, legte den Grundstein zu seinen späteren Welterfolgen.

 

Es gibt so viele Meisterwerke unter Offenbachs Einaktern – buffoneske und überdrehte, delikate und wunderschöne. Sie sind einfach zu produzieren und antworten auf eine immer schnelllebigere Zeit, auf die Erwartungen eines immer ungeduldigeren Publikums. Sie dauern maximal eine Stunde, benötigen eine Handvoll Sänger, haben ausgezeichnete Texte – und eine großartige Musik! Ob nun konzertant oder szenisch, im Offenbach-Jahr gibt es eine Auswahl an Einaktern zum Teil in historischer Aufführungspraxis, zum Teil in deutscher Übersetzung.

 

Oyayaye oder Die Königin der Inseln / Oyayaye ou la Reine des îles

6.1.2019, 11 Uhr
Neujahrskonzert des Gürzenich-Orchester in der Kölner Philharmonie
Neuinszenierung

UA: Oyayaye ou la Reine des îles 1855, Folies-Nouvelles, Paris

Um was geht’s?
Der Kontrabassist Racle-à-Mort (zu Deutsch: Schrammel-dich-tot) hat sein Solo verpennt, wird gefeuert und fährt daraufhin in den Urlaub. Doch das Schiff kentert und er strandet auf einer Südseeinsel, die von Kannibalen besiedelt ist. Deren Königin Oyayaye befiehlt Racle-à-Mort, augenblicklich für musikalische Stimmung zu sorgen, andernfalls wandere er direkt in den Kochtopf. Sein improvisiertes Zupfen auf dem Kontrabass schafft es nicht, Oyayayes miese Laune zu vertreiben. In letzter Sekunde findet der Virtuose eine Rohrflöte und spielt darauf eine wilde Melodie, woraufhin die Ureinwohner in ekstatisches Tanzen verfallen. In Windeseile rennt Racle-à-Mort zum Strand, sticht, auf der Bassgeige sitzend, in See, hisst ein Taschentuch-Segel - und weg ist er.

Sprach­witz und musikalischer Einfallsreichtum, Travestie und Tiefsinn gehen auf dieser einsamen Insel eine fulminante Verbindung ein. Offenbach schrieb die beiden Gesangspartien für zwei Tenöre: Mit Matthias Klink in der Rolle des Kontrabassisten war einer der profiliertesten deutschen Sängerdarsteller zu erleben, der zuletzt sowohl mit dem FAUST-Theaterpreis als auch mit der Wahl zum Sänger des Jahres der Zeitschrift Opernwelt ausgezeichnet worden ist.

Die Insel Tulipatan

17. – 20.6.2019, jeweils 19.30 Uhr
Volksbühne am Rudolfplatz
Musikalische Leitung und Arrangement: Roland Fister
Inszenierung und Dialoge: Jasmin Solfaghari
Es spielen Mitglieder des Philharmonischen Orchesters des Landestheaters Coburg
Veranstalter: Pamy GmbH Mediaproductions, Arlesheim.

UA: L’Île de Tulipatan 1868, Théâtre des Bouffes-Parisiens, Paris

Um was geht’s?
Auf einer Insel lernen sich ein biologischer Jüngling (Hermosa) und ein ebensolches Mädchen (Alexis) kennen, die von ihren jeweiligen Müttern – aus nachvollziehbaren Gründen -– andersgeschlechtlich gekleidet und aufgezogen wurden. Trotzdem sich beide über ihr eigenes physisches Geschlecht im Klaren sind, vergucken sie sich ineinander, was wiederum im familiären Umfeld für reichlich Irritation sorgt. Dem Liebespaar ist das alles piepegal, vor und auch nach der Aufklärung des Ganzen.

Offenbachs Einakter L’Île de Tulipatan wird einer der großen Lacherfolge der Pariser Theatersaison 1868–1869. Laut zeitgenössischen Zeitungsberichten geht die Begeisterung des Publikums bei Tulipatan»in schieren Wahnsinn über« – bester buffonesker Offenbach!

 

Tickets bekommen Sie hier!

 

 

Herr Blumenkohl gibt sich die Ehre oder Salon Pitzelberger

17.-20.6.2019, jeweils 19.30 Uhr
Volksbühne am Rudolfplatz

Musikalische Leitung und Arrangement: Roland Fister
Inszenierung und Dialoge: Jasmin Solfaghari
Es spielen Mitglieder des Philharmonischen Orchesters des Landestheaters Coburg
Veranstalter: Pamy GmbH Mediaproductions, Arlesheim.

UA: Monsieur Choufleuri restera chez lui le 1861, Paris

Um was geht’s?

Um endlich in allerhöchsten Gesellschaftskreisen anzukommen, hat Monsieur Choufleuri (Pitzelberger / Blumenkohl) eine Party mit allem Pipapo arrangiert. Doch ach: Nach und nach trudeln die Absagen ein, darunter auch die der drei vollmundig angekündigten Sänger. Aus Angst vor einer Blamage geht er auf den Vorschlag seiner Tochter Ernestine und deren Traummann Casimir ein - sie treten kurzerhand selbst als italienisches Gesangstrio auf. Die anwesende Schickeria fällt auf den Schwindel herein. Zum Dank erhält Ernestine von ihrem Papa die Erlaubnis, sich mit dem unvermögenden, aber ungemein gutaussehenden Musiker verloben zu dürfen.

Offenbachs Musik gipfelt in dieser Parodie auf die italienische Oper seiner Zeit in dem hinreißenden »italienischen« Trio. Nicht nur kann sich dieses musikalisch problemlos mit dem besten Belcanto messen, darüber hinaus besticht es auch noch durch eine präzis geführte musikalische Dramaturgie. Einer der größten Einakter-Erfolge Offenbachs!

Tickets gibt es hier

Der Regiments­zauberer

7. Juli 2019, 15:00
Musik-Picknick
, Abtei Brauweiler
Musikalische Leitung: Prof. Stephan E. Wehr
Inszenierung: Andreas Durban
Es singen Studierende der Gesangsklassen der HfMT Köln

UA: Le Soldat magicien 12.7.1864, Kursaal, Bad Ems

Um was geht’s?

Charlotte Stelzenbach erwägt, sich scheiden zu lassen, und bestellt hierzu den Advokaten Klette ein, der den Beratungstermin als heimliches Rendezvous missversteht. Zur selben Zeit kommt der Freund von Stelzenbachs Dienstmädchen vom Militär zurück, wo er im Regiment als Pfeifer den Marsch blies. Weil Besuch während der Arbeitszeit verboten ist, wird er von seiner Liebsten in eine Kammer verfrachtet, in welche auch Klette springt, um sich vor dem plötzlich heimkehrenden Herrn Stelzenbach zu verstecken. Dieser gerät in einen weiteren Streit mit seiner Ehefrau und droht ihr nun seinerseits mit der Scheidung. Daraufhin »zaubert« der Soldat den Advokaten hervor, welcher Frau Stelzenbach gesteht, schwülstige Liebesbriefe an sie geschickt zu haben. Charlotte ist an Klette derart »interessiert«, dass sie sich lieber wieder mit ihrem Mann versöhnt.

Offenbach verbringt seit 1858 regelmäßig seine Sommer in Bad Ems, dem schönen Kurort an der Lahn. Hier trifft sich alles, was in Europa Rang und Namen hat – und die Truppe der Bouffes-Parisiens unterhält Kaiser, Könige und Fürsten. Und so wird hier auch im Sommer 1864 ein neues Werk des „Mozart der Champs-Élysées“ aus der Wiege gehoben. Offenbach schreibt nach der Uraufführung nach Hause: »Enormer Erfolg! Alle Künstler und ich wurden mehrfach wieder auf die Bühne gebeten!«

Die Verlobung bei der Laterne

7. Juli 2019, 15:00
Musik-Picknick, 
Abtei Brauweiler
Musikalische Leitung: Prof. Stephan E. Wehr
Inszenierung: Andreas Durban
Es singen Studierende der Gesangsklassen der HfMT Köln

28. und 30. Juni 2019, 19:00 Uhr, Eintritt frei
Standort Aachen der HfMT Köln, Innenhof

UA: Le Mariage aux lanternes 1857, Théâtre des Bouffes-Parisiens, Paris

Um was geht’s?
Peter bekam von seinem Onkel die Vormundschaft für Liese übertragen. Er schwärmt schon seit langem für seine Cousine, hat sich aber nie getraut, es ihr zu sagen. Als der finanziell klamme Peter einen Brief vom Onkel mit dem Inhalt bekommt, dass er bei Einbruch der Dunkelheit einen Schatz unter dem großen Baum finden werde, interessieren sich plötzlich zwei verwitwete Klatschtanten für den jungen Mann. Sie verfolgen Peter, als er sich abends auf den Weg zur beschriebenen Stelle macht, und müssen mitansehen, wie er seinen Schatz wachküsst: die schlafende Liese.

Die sehr abwechslungsreiche Musik changiert zwischen robuster Volkstümlichkeit einerseits und zarter Verspieltheit andererseits. Die zeitgenössische Kritik bescheinigt – ein großes Kompliment! – Offenbachs neuem Stück eine große Nähe zu Mozart… Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Stück zu den beliebtesten Werken Offenbachs in Deutschland – heute ist es wiederzuentdecken.

Un mari à la porte / Der Ehemann vor der Tür

Termine im November
Köln und Düsseldorf
Pro Quartet aus Paris
(original: in französisch)

UA: Un Mari à la porte 1859, Théâtre des Bouffes-Parisiens, Paris

Um was geht’s?

Der erfolglose Komponist Florestan Ducroquet, »Schöpfer einer begeistert am Théâtre des Bouffes-Parisiens abgewiesenen Operette«, kann sich vor dem Gerichtsvollzieher nur noch durch seinen Kamin in Sicherheit bringen. Er landet im Zimmer von Suzanne, die just an diesem Abend heiraten will und sich dafür mit ihrer Freundin Rosita dafür gerade vorbereitet. Der Ehemann wartet schon vor der Tür. Nach einigem Hin und Her verlässt Florestan das Boudoir durch das Fenster – nicht ohne zuvor die Hand Rositas gewonnen zu haben.

Der Einakter gehört zu den interessantesten Stücken aus der Feder Offenbachs. Die Musik bedient virtuos den gewitzten, sehr gelungenen Text, kann darüber hinaus aber auch durch ihre feine, galante, elegante Transparenz bestechen. Noch nie, so ein zeitgenössischer Kritiker, sei Offenbach